Masterarbeit
Abbau Aufbau
Ortbetonbauwerke
Merlin Augele
MA Thesis 2025
UdK Berlin
Betreuung:
Prof. Christoph Gengnagel
Prof. Giovanni Betti
Jamila Loutfi
Die Masterarbeit untersucht die selektive Demontage der Taut-Passage in Berlin-Grünau und die Wiederverwendung ihrer Stahlbetonteile in der Spandauer Belgienhalle. Die bestehende Ortbetonstruktur wird dabei in transportfähige Segmente zerlegt und für einen zweiten Lebenszyklus aufbereitet. Parallel plant der neue Eigentümer der Taut-Passage eine umfassende Modernisierung mit zusätzlichen Geschossen, stark vergrößerter Nutzfläche sowie einer gestalterischen und funktionalen Neuausrichtung.
Der aktuelle Planungsstand sieht einen weitgehenden Rückbau der vorhandenen Tragstruktur vor. Die wiedergewonnenen Elemente werden in der denkmalgeschützten Belgienhalle zu einem modularen Innenausbau zusammengefügt. Die Halle bildet einen zentralen Baustein des neuen Stadtquartiers „Das Neue Gartenfeld“, das künftig Wohnen, Arbeiten und öffentliche Angebote vereint. Sowohl die Taut-Passage historisch als auch die Belgienhalle zukünftig übernehmen in ihren jeweiligen Lagen die Funktion lokaler Zentren in suburban geprägten Gebieten mit bislang begrenzten urbanen Angeboten.
Im Fokus der Arbeit steht der Rückbau als Ressource. Das Zerlegen, Verschiffen und Wiederverwenden der Betonelemente schließt Materialkreisläufe, senkt den Bedarf an emissionsintensiven Primärrohstoffen und verkürzt Lieferwege. Europäische Strategien zur Kreislaufwirtschaft im Bauwesen sowie aktuelle Forschung bestätigen die hohe Wirksamkeit solcher ReUse-Ansätze, die erhebliche Einsparungen grauer Emissionen ermöglichen.
In der Belgienhalle werden die angelieferten Bauteile direkt eingelagert, anhand digitaler Modelle identifiziert und gruppiert. Da Katalogisierung und Vorbereitung bereits beim Rückbau erfolgen, kann die Montage unmittelbar beginnen. Deckenplatten werden über eingegossene Stahlstangen verbunden, Wände und Stützen auf Metallplatten montiert, die die Funktion eines Fundaments übernehmen. Eine temporäre Holzkonstruktion stabilisiert die Bauteile während des Aufbaus. Die Verbindungen sind auf vertikale Lasten ausgelegt und sorgen für eine robuste Gesamtstruktur.
Das modulare System umfasst drei skalierbare Typen: kleine Einheiten für Werkstätten oder Ateliers, ein mittleres Modul für gemeinschaftliche Nutzungen sowie große Module für Bereiche mit hohem Flächenbedarf wie Bibliothek oder Veranstaltungssaal. Begehbare Dachflächen erweitern die Nutzungsmöglichkeiten. Reversible Betonelement-Brücken vernetzen die Module, und eine zusätzliche Treppenkonstruktion ergänzt den bestehenden Aufzugskern als vertikale Erschließung.

Transportweg

Zerlegeprozess

Aufbauprozess

Module
Die Arbeit zeigt, dass die Aufwertung bestehender Ortbetonstrukturen zu modularen Bausystemen ein großes architektonisches und ökologisches Potenzial besitzt. Durch den selektiven Rückbau werden die Betonteile nicht nur weitergenutzt, sondern zu Elementen eines flexiblen, zukunftssicheren Systems aufgewertet, das sich an unterschiedliche Nutzungen und Orte anpassen lässt. Dieses Vorgehen erfordert jedoch eine sorgfältige Planung, eine erneute statische Bewertung aller Bauteile und die Entwicklung spezifischer Verbindungsmethoden.
Zugleich betont die Arbeit die zentrale Bedeutung einer umfassenden Dokumentation – sowohl des Spendergebäudes als auch des gesamten Rückbau- und Montageprozesses. Nur wenn diese Informationen langfristig erhalten und zugänglich bleiben, kann das System in der Praxis funktionieren und weiterentwickelt werden. Erst durch reale Erprobung und konsequente Wissensweitergabe kann der selektive Rückbau zu einem tragfähigen Bestandteil zukünftiger Baupraxis werden.
Dieses Forschungsprojekt wird gefördert durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Auftrag des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen aus Mitteln der Zukunft Bau Forschungsförderung.








